Er stellt das inoffizielle Wappentier von Dauernheim dar, findet sich als Relief im Mauerwerk, im Namen und Wappen von Vereinen und Gruppen des Ortes: der Drache, ein seit Jahrtausenden weltweit in der Mythologie verankertes Fabelwesen, das unterschiedlich bewertet wird. Steht der Drache in der europäischen Tradition eher für ein fliegendes, Feuer speiendes Ungeheuer, das Schätze bewacht, Opfer fordert, Prinzessinnen entführt und von Helden bezwungen werden muss, so ist er in China, Japan und Korea das absolute Gegenteil: ein weiser Glücksbringer, ähnlich dem Drachen Fuchur in Michael Endes „Unendlicher Geschichte“, Herrscher über kosmische Kräfte, treuer Beschützer des Menschen, der ihn zum Freund gewinnt.
Ganz ähnlich interpretierte auch das Theaterstück „Der Drachenschatz von Dauernheim“ aus dem Jahr 2007 die ambivalente Figur, nämlich als Schutzmacht des Dorfes, den letzten seiner Art, der im Mittelalter vom vulkanischen Vogelsberg in die Wetterau herabstieg, trotz seines schrecklichen Aussehens von den Dauernheimern freundlich aufgenommen wurde und auf der Alteburg Quartier bezog.
Zum Dank soll er dem Dorf vier goldene Kugeln aus seinem Schatz geschenkt haben, die seitdem seine Kirche zieren. Hier wird der Drache als starkes, gemeinschaftsstiftendes Symbol gesehen. Das Theaterstück fügt noch den Aspekt der Furchtlosigkeit hinzu, um auch fremd und beängstigend wirkenden Wesen erst einmal offen zu begegnen.
Kein Wunder also, dass der TV Jahn Dauernheim einen geflügelten Drachen im Wappen führt und ihn zudem lange als große, bewegliche Figur an Festzügen teilnehmen ließ. Tanzgruppen des Vereins trugen und tragen Namen wie „Dragon Dancers“, „Dragon Fire“ oder „Dragon Girls“ – allesamt abgeleitet von dem griechischen Begriff „drakon“ für „Schlange“, der noch heute auf die weltweit verbreiteten Drachenvarianten verweist: Sie reichen vom biblischen Leviathan über Lindwürmer und Basilisken bis zur gefiederten Schlange Quetzalcoatl, dem Schöpfergott der Maya, Azteken und Tolteken.
Auch die Dauernheimer Bühnendrachen als Theatergruppe des Kulturvereins Dauernheim (KVD) beziehen sich auf die eindrucksvolle Fabelgestalt. Man nimmt an, dass es Funde von echten Dinosaurierknochen und -fußabdrücken sowie anderer prähistorischer Tiere waren, aus denen die Menschen die Existenz von Drachen ableiteten. So zeigt der Lindwurmbrunnen zu Klagenfurt/Österreich den mächtigen Schädel eines eiszeitlichen Wollnashorns, der dort im 14. Jahrhundert gefunden wurde. Auch bündeln sich in der Figur des Drachens menschliche Urängste: vor dem lautlosen Giftangriff der Schlange, vor dem Greifvogel aus der Luft und vor Großkatzen mit übermächtigen Krallen und Zähnen.
Text & Bild: Inge Schneider (KA 14.10.26)